Geständnis: Mein verlorenes Einhorn – und was es mich über Probleme loszulassen gelehrt hat
Ich habe Probleme, loszulassen …
Ja, jetzt ist es raus.
Genau das ist nämlich der Grund, warum ich mich so stark mit diesem Thema beschäftige und ein Buch mit über 600 Seiten zum Loslassen geschrieben habe.
All das begann schon in meiner Kindheit. Und zwar wie es symbolischer nicht sein könnte: Mit einem Luftballon …
Exklusiv: Dieser Text erschien zuerst in meinem Newsletter Sinn am Sonntag.
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Inhaltsverzeichnis
- Mein „Kindheitstrauma“ …
- Mein Einhorn-Ballon!
- Bekam ich mein Einhorn?
- Dann kam der Heimweg …
- Ein einziger unachtsamer Moment
- Mein Einhorn hatte mich verlassen!
- Der fatale Trostversuch meiner Eltern
- Ich quälte mich mit Hoffnung …
- Die Moral: Hoffnung hält dich im Leid gefangen …
- Wie ging es weiter mit Klein-Norman?
- Kam mein Einhorn jemals zurück?
Mein „Kindheitstrauma“ …
Ich war vielleicht 4 oder 5 Jahre alt.
In unserer Gegend gab es viele Jahrmärkte im Sommer. Und auf einem dieser Jahrmärkte war ich mit meinen Eltern und meinem jüngeren Bruder.
Wie auf Jahrmärkten üblich, gab es neben all den Fahrgeschäften und Essensständen auch einen Luftballonverkäufer. Er hatte viele große mit Helium gefüllte Ballons. Alles Figuren aus irgendwelchen Disney-Filmen oder anderen bekannten Formaten. Und unter all diesen bunt glitzernden Ballons war einer, der mir direkt ins Auge fiel … ein Einhorn.
Mein Einhorn-Ballon!
Ich war sofort hin und weg.
Ich glaube ich hatte kurz zuvor zum ersten Mal den Zeichentrickfilm „Das letzte Einhorn“ gesehen.
Und um ehrlich zu sein, war ich vielleicht sogar ein bisschen verliebt in diese Figur.
Wenn du den Film kennst, dann weißt du, dass sich das Einhorn dort in ein hübsches Mädchen verwandelt.
Jedenfalls wollte ich unbedingt diesen mit Helium gefüllten Plastikballon in Form eines Einhorns haben. Eigentlich war es nur ein Einhornkopf. Ein großer weißer Kopf mit regenbogen-farbener Mähne, die durch die Oberfläche des Ballons metallisch in der Sonne glitzerte.
Die große Frage lautete nur:
Bekam ich mein Einhorn?
Ja!
Meine Eltern kauften mir den Ballon. Und ich war überglücklich. Ich rannte stolz damit über den ganzen Markt und schaute immer wieder nach oben zu meiner neuen Begleiterin.
Ich war glücklich mit meinem Einhorn und ahnte nicht, was noch auf mich zukommen würde …
Dann kam der Heimweg …
Es wurde spät und irgendwann war es an der Zeit, zu gehen.
Wir machen uns also auf den Weg zum Parkplatz – einer riesigen Wiese neben dem Festgelände. Ich freue mich schon darauf, mein Einhorn mit nach Hause zu nehmen. Ich stelle mir bereits vor, wie ich meiner neuen Freundin mein Zimmer zeige und wo ich sie festbinde, damit ihr Kopf genau auf meiner Höhe ist, wenn ich in meinem Hochbett liege.
Da vorne ist auch schon unser Auto. Ich frage mich schon, wie das wohl sein wird, mit so einem großen Ballon im Auto zu fahren.
Doch dann passiert es …
Ein einziger unachtsamer Moment
Kurz vor dem Auto löst sich plötzlich die Schnur des Ballons von meiner Hand.
Ich weiß nicht mehr, ob ich ihn einfach nicht fest genug gehalten habe, oder ob er nicht richtig an meinem Arm festgebunden war. Jedenfalls reichte nur eine einzige Sekunde des Erschreckens und mein Einhorn war für mich schon unerreichbar hoch gestiegen.
Als meine Eltern es merkten, war es auch für sie schon zu hoch.
Wie erstarrt schaute ich meinem Einhorn hinterher. Wie es immer höher stieg. Wie es immer kleiner wurde. Ich sehe das Bild heute noch ganz klar vor Augen:
Dieser wolkenfreie, strahlend blaue Sommerhimmel, der mein Einhorn immer näher zu sich heranzieht.
Ich konnte es nicht glauben. Nein, ich wollte es nicht glauben!
Mein Einhorn hatte mich verlassen!
Nach so kurzer Zeit!
Tränen flossen über meine Wangen.
Ich war natürlich am Boden zerstört und weinte wie ein Schlosshund.
Meine Eltern versuchten alles Mögliche, um mich zu trösten. Nichts half. Dann sagten sie etwas, das funktionierte, das sich später aber als fatal herausstellte …
Der fatale Trostversuch meiner Eltern
Meine Mama sagte:
„Warte doch mal ab, vielleicht fliegt der Ballon ja zu Hause an deinem Fenster vorbei.“
Das tröstete mich wirklich. Quälte mich aber auch …
Es gab doch noch eine Chance, mein Einhorn wiederzubekommen!
Ich quälte mich mit Hoffnung …
Also schaute ich zu Hause aus dem Fenster. Immer wieder. Tage lang. Wochen lang. Aber mein Einhorn kam nicht vorbei.
Hätten meine Eltern mir klargemacht, dass der Ballon weg ist und nicht wiederkommt und ich auch nichts tun konnte, um ihn wiederzubekommen, dann wäre das wohl sehr schmerzhaft in dem Moment gewesen. Aber der Schmerz wäre schneller vorbeigegangen. Sie taten aber etwas anderes … sie weckten Hoffnung in mir. Eine Hoffnung, die nie erfüllt werden konnte. Und damit quälte ich mich wochenlang.
Das ist der Grund, warum ich kein Fan von Hoffnung bin! Oder warum ich dir im letzten Beitrag empfohlen habe, dass „Freunde bleiben“ nach einer Trennung schädlich ist. Oder warum ich immer wieder dafür plädiere, dass es schadet, um die Liebe zu kämpfen!
Die Moral: Hoffnung hält dich im Leid gefangen …
Meiner Meinung nach ist Hoffnung sogar nichts anderes als Angst. Denn wenn du vor etwas Angst hast, fürchtest du, dass es eintritt. Wenn du auf etwas hoffst, fürchtest du gleichzeitig, dass es nicht eintritt. In meinem Buch erkläre ich diese Sichtweise genauer und auch was man besser anstelle der Hoffnung setzen sollte, um trotzdem noch positiv zu bleiben.
Es war jedenfalls eine Lektion fürs Leben:
Akzeptiere lieber den Status Quo, auch wenn es schmerzhaft ist.
Wenn dein Ballon doch noch zurückkommt, kannst du dich ja trotzdem freuen und es genießen. Aber du machst dich nicht abhängig davon. Du kannst auch ohne den Ballon jetzt und hier wieder glücklich sein.
Das gilt übrigens für verlorene Einhörner genauso wie wenn es darum geht, eine Trennung zu verarbeiten.
Leider ist diese Geschichte auch der Grund, weshalb ich auch heute oft noch Probleme habe, loszulassen oder mich von Dingen zu trennen. Keller ausmisten ist zum Beispiel eine Tortur für mich …
Wie ging es weiter mit Klein-Norman?
Mit der Zeit nahm die Trauer ab.
Ich wurde älter und dachte immer weniger an das Einhorn. Nur hin und wieder, wenn ich an einem Fenster vorbei ging und in den Himmel hinaus schaute, kam sie wieder hoch, diese bittersüße Hoffnung, mein Einhorn doch noch eines Tages wiederzusehen.
Es ist krass, wie sehr uns unsere Kindheit prägt … selbst heute, über 30 Jahre später, bekomme ich manchmal noch dieses wehmütige Gefühl, wenn ich in den blauen Sommerhimmel schaue.
Kam mein Einhorn jemals zurück?
Nein.
Wahrscheinlich war es auch gut so. Denn wenn ich diese Erfahrung nicht als Kind gemacht hätte, dann hätte ich mich wahrscheinlich niemals so tief mit dem Loslassen auseinandergesetzt. Ich hätte nie dieses Buch über das Loslassen geschrieben, das bis heute schon so vielen Menschen geholfen hat, ihre Traumata zu verarbeiten.
Ich habe dadurch gelernt, dass die Dinge im Leben vergänglich sind. Und dass man sie schätzen und lieb haben muss, solange sie da sind.
Und dass es für alles im Leben eine Zeit gibt, um loszulassen.
Lustigerweise gewann ich sogar kurz darauf einen Ballonflugwettbewerb. Dabei musste man einen Ballon mit einer Postkarte fliegen lassen. Der, der am weitesten flog gewann. Diesmal war es aber kein Einhorn, was mir das Loslassen deutlich erleichterte …
In diesem Sinne:
Bleib vernünftig ;-)
Norman „steht nicht mehr am Fenster“ Brenner
