Rücksicht in Deutschland: Warum wir im Supermarkt alle egoistischer sind als wir denken …
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Deutsche sind rücksichtslos …
Das ist keine Behauptung, die ich irgendwo im Ausland gehört habe. Das behaupte ich selbst, nachdem ich im Ausland war!
Was meine ich damit?
Exklusiv: Dieser Text erschien zuerst in meinem Newsletter Sinn am Sonntag.
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Inhaltsverzeichnis
- Neulich im Supermarkt an der Kasse …
- Rücksicht in Deutschland? Fehlanzeige!
- Der Schock: Der Joghurt ist ganze 10 Cent teurer!
- Warum sind deutsche so rücksichtslos?
- In Japan drängelt sich niemand vor
- Japaner nehmen Rücksicht aufeinander
- In Japan wird nicht geklaut
- Warum läuft das in Japan anders als in Deutschland?
- Versetze dich in die Lage anderer …
- Bring ein Stück Japan nach Deutschland
Neulich im Supermarkt an der Kasse …
Ich war einkaufen.
Ich komme aus dem hinteren Bereich des Ladens und sehe schon von weitem, dass nur zwei Kassen geöffnet sind.
Ich versuche, das Ende einer der Schlangen auszumachen. Das erweist sich als schwieriger als gedacht, weil sich die beiden Schlangen aus verschiedenen Unter-Schlangen zusammensetzen. Einige stehen direkt hinter der Kasse in einer geraden Linie, andere stehen quer dazu an. Manche Menschen stehen auch einfach komplett unzugeordnet zwischen den beiden Kassen.
Das pure Chaos …
Rücksicht in Deutschland? Fehlanzeige!
Ich stelle mich ganz hinten an.
Vor mir lässt eine Frau ihren Wagen in der Schlange stehen und verschwindet einfach für ein paar Minuten. Hinter mir telefoniert ein Geschäftsmann lautstark mit seinem Headset im Ohr.
Es geht nur langsam voran, weil vorne, direkt an der Kasse, wie durch Zauberhand immer weitere Menschen von Links und Rechts zur Schlange dazukommen. Wie beim Reißverschlussverfahren auf der Autobahn. Ich wusste gar nicht, dass man das auch im Supermarkt anwenden soll …
„DRITTE KASSE BITTE!“ dröhnt es mir auf einmal in den Ohren. Der Geschäftsmann hat sich kurz von seinem Telefonat losgerissen.
Als ich endlich kurz vor der Kasse stehe, bemerke ich neben mir eine ältere Frau, die nur eine Stofftüte trägt. Ich frage sie, ob sie vorgehen möchte. Sie nimmt an, bedankt sich jedoch nicht. Als sie bei der Kassiererin ankommt beginnt sie direkt mit der Kassiererin zu diskutieren:
Der Schock: Der Joghurt ist ganze 10 Cent teurer!
Sie hat den Joghurt im Angebot für 39 Cent gesehen. Jetzt würde er aber doch 49 Cent kosten. Das wäre eine Frechheit.
Die Kassiererin muss den Marktleiter rufen.
Dutzende Menschen wollen einfach nur nach Hause zu ihren Familien und verlieren jetzt Minuten ihrer wertvollen Lebenszeit wegen 10 Cent Preisunterschied.
Der Marktleiter kommt. Die Frau muss den vollen Preis bezahlen. Weil sie den falschen Joghurt genommen hat. Sie lässt ihn an der Kasse stehen und verlässt mürrisch und ohne Joghurt den Laden.
Warum sind deutsche so rücksichtslos?
Liegt es am Alltagsstress? Werden wir so erzogen? Oder stumpfen viele einfach ab, weil sie selbst zu oft Opfer des Egoismus anderer geworden sind?
Ich weiß es nicht. Was ich weiß ist, dass die meisten Menschen scheinbar gar nicht merken, dass und wie sie andere mit ihrer Selbstsucht behindern.
Ich sehne mich zurück nach Japan …
In Japan drängelt sich niemand vor
Vor kurzem habe ich mir einen großen Traum erfüllt: Ich war für 2,5 Wochen in Japan.
Es war wirklich eine prägende Erfahrung. Vor allem zu erleben, wie rücksichtsvoll die Japaner miteinander umgehen. Was mich mit am meisten beeindruckt hat, ist das Schlange-Stehen dort:
Wenn irgendwo ein starker Andrang herrscht, bilden die Japaner eine ordentliche Schlange und warten. Und ich meine wirklich ordentlich. Es steht nicht einer links und der andere rechts im Gang. Die Schlange verläuft nicht in einem unerklärlichen Bogen quer durch den Raum. Sie blockiert keine Durchgänge und nie im Traum würde ein Japaner sich einfach irgendwo dazwischen mogeln.
Bei meinen Streifzügen durch Tokyo bin ich an einer Schlange vorbeigekommen, die sich über einen vollen Kilometer erstreckte. Es gab irgendeinen limitierten Ausverkauf. In einer der am dichtesten bevölkerten Regionen der Welt stehen über einen Kilometer weit Hunderte Menschen entlang einer Straße und es war nicht einmal hörbar!
Japaner nehmen Rücksicht aufeinander
Niemand wird beeinträchtigt …
Alle anderen Passanten konnten ohne Probleme an der Schlange vorbeigehen, Ein- und Ausfahrten wurden freigehalten und das Tempo, in dem sich die Schlange bewegte war auch bemerkenswert.
Weil die Japaner nicht nur beim Schlange-Stehen Rücksicht aufeinander nehmen, sondern auch, wenn sie endlich an der Reihe sind. Keine Diskussionen um den Preis. Keine Versuche, mehr zu bekommen, als ihnen zusteht. Einfach kein Egoismus.
Was mich aber noch mehr beeindruckt hat:
In Japan wird nicht geklaut
In einer Bar, in der ich mit meiner Frau war, unterhielten wir uns mit einer netten Japanerin. Plötzlich stand sie auf und verließ die Theke. Ihren Geldbeutel ließ sie liegen. Ich war schon versucht, ihr hinterherzurufen, aber da erleuchtete mich auch schon meine Frau:
In Japan reserviert man seinen Platz, indem man seinen Geldbeutel oder sein Handy auf dem Platz liegen lässt. Einfach so, komplett unbeaufsichtigt, mitten im Getümmel zwischen dutzenden Menschen. Ein schneller Handgriff und das Portemonnaie wäre weg und der Täter unauffindbar. Aber es passierte nichts.
In Deutschland muss man ja selbst wenn man im Straßenrestaurant am Tisch sitzt in manchen Städten aufpassen, dass einem das Handy nicht aus der Hand geklaut wird.
Warum läuft das in Japan anders als in Deutschland?
Weil Japaner keine Egoisten sind.
Die Japaner wissen:
Was wir anderen antun, tun wir immer auch gleichzeitig uns selbst an.
Weil die Japaner ein ähnliches Bild von einem allem zugrundeliegenden wahren Selbst haben, wie ich es im Buch beschreibe.
Sie wollen sich nicht um jeden Preis selbst bereichern. Und genau dadurch bereichern sie die ganze Gesellschaft.
Versetze dich in die Lage anderer …
Ja, natürlich gibt es auch viele Menschen mit dieser Einstellung in Deutschland, aber es gibt eben auch zu viele Egoisten. Menschen die hauptsächlich an sich selbst und nicht an andere denken. Die ihr Auto quer über zwei Parkplätze parken oder im Kino die ganze Zeit ihr Handy mit 100% Helligkeit in der Hand halten.
Das ist oft nicht einmal bewusst. Ich weiß gar nicht, ob der Frau an der Kasse überhaupt klar war, dass sie den ganzen Laden aufhält. Weil es in unserer Gesellschaft eben ganz normal ist, so viel Fokus auf den Einzelnen zu legen. Aber jedem Japaner wäre das sofort bewusst geworden. Weil sie einen viel größeren Fokus auf die Einheit aller legen.
Das wünsche ich mir auch für uns.
Bring ein Stück Japan nach Deutschland
Nein, ich bitte dich jetzt nicht, zukünftig deinen Geldbeutel ungeschützt auf der Theke liegen zu lassen. Es sei denn, du willst dein Geld schneller loswerden als du „Cocktail“ sagen kannst. Aber du kannst folgendes tun:
- Achte auf andere
- Sei geduldig
- Übe dich in Rücksichtnahme
Frag dich einfach öfter mal: „Wie nehmen mich die Menschen um mich herum gerade wahr?“
Damit machst du nicht nur den Alltag für andere angenehmer, sondern am Ende auch für dich selbst. Es ist paradox:
Wenn du immer nur auf deinen Vorteil beharrst, kriegst du auch nur genau das: deinen kleinen Vorteil im Supermarkt oder Straßenverkehr. Wenn du dich aber zurücknimmst und etwas zum Wohle anderer machst, bekommst du am Ende meist viel mehr. Denn was du aussendest, kommt zu dir zurück. Das ist der Weg des Wassers und der Grund dafür, warum dir im Leben alles zufließt, wenn du endlich loslässt.
In diesem Sinne:
Bleib vernünftig ;-)
Norman „nehmt Rücksicht aufeinander“ Brenner
